«Ist man mit dem Tod konfrontiert, lernt man die Breite des Lebens kennen»

Seinen Beruf als etwas Schönes zu empfinden, fällt dem Rechtsmediziner Christian Jackowski nicht schwer. Einzig die mit den Todesfällen verwobenen persönlichen Schicksale lässt er nicht zu nah an sich herankommen.

Beat Glogger. Herr Jackowski, Können Sie die Faszination von TV-Serien über Gerichtsmedizin nachvollziehen?

Christian Jackowski: Ja, durchaus. Wegen genau dieser Faszination bin ich ja auch in meinem Beruf. Ich kann Fälle lösen, mit denen man sonst im normalen Leben nichts zu tun hat. So gesehen kann ich den Unterhaltungswert im Fernsehen schon verstehen.

Sie haben 18 Dienstärzte und zwei Präparatoren im Einsatz, nur für den Kanton Bern. Passieren wirklich so viele Verbrechen und Unfälle?

Es gibt Tage, da passiert nichts. An anderen Tagen passiert so viel, dass wir nicht wissen, wo wir anfangen sollen. Wir machen pro Jahr etwa 1000 Untersuchungen am Ereignisort. Das sind Kriminalfälle, Verkehrsunfälle, Suizide oder unklare Todesfälle: Zum Beispiel, wenn jemand morgens tot am Strassenrand aufgefunden wird. Da sind auch viele darunter, die sich am Ende als natürlicher Tod herausstellen. Von diesen 1000 obduzieren wir etwa 250. Dann haben wir so um die 500 Lebenduntersuchungen nach Delikten, die nicht zum Tod geführt haben.

Sie gehen als Direktor eines Rechtsmedizinischen Instituts der Schweiz noch selbst raus und kümmern sich um Fälle. Warum tun Sie das?

Weil ich es gerne mache. Ich fahre gerne in den Kanton hinaus …

Das Rausfahren mag ja noch angenehm sein …

Auch am Ereignisort gefällt es mir. Man lernt Land und Leute kennen, und kriegt viele Einblicke. Gestorben wird dort, wo gelebt wird. Das Leben ist so vielfältig. Diese Breite lernt man auch kennen und schätzen, wenn man mit dem Tod konfrontiert wird. Für mich ist es ein Traumberuf. Ich wüsste nicht, welcher andere Beruf so vielfältig ist.


Wissenschaftstalk in der Stadtbibliothek Beat Glogger im Gespräch mit Christian Jackowski. Bild: Johanna Bossart

Aber Medizin beginnt man doch zu studieren, weil man Menschen helfen will.

Die meisten vermutlich schon. Bei mir war es ein bisschen anders. Ich musste mich zwischen Physik und Medizin entscheiden. Im Nachhinein kann ich gar nicht mehr sagen, wieso ich schlussendlich Medizin gewählt habe. Doch die Physik schlägt immer noch stark in meiner Brust. Ich habe im Verlauf des Studiums immer deutlicher gemerkt, dass der klassische Arztberuf keine Erfüllung für mich bringen dürfte, und habe nach Alternativen gesucht. Gleich nach meinem Studium hat der damalige Chef vom Institut in Bern eine Forschungsstelle ausgeschrieben, um die forensische Bildgebung zu fördern – das war perfekt für mich.

Sie kümmern sich also lieber um Tote als Lebendige?

Ich persönlich ja. Ich konzentriere mich gerne auf die Untersuchungsergebnisse. Wir können die Befunde losgelöst von den Empfindlichkeiten des Patienten anschauen. Das macht vieles einfacher.

Gehen Ihnen die Fälle nie nahe?

Die Leichen nicht. Aber ich hatte schon belastende Erlebnisse mit Angehörigen, die in die Untersuchung involviert waren. Hingegen ist der Umgang mit den Verstorbenen nichts, was einen Rechtsmediziner länger beschäftigt. Wer damit Probleme hat, ist fehl am Platz in unserem Fach. Aber die, die länger bleiben, erkennen dann auch die schönen Seiten des Faches.

Ein Suizid vor dem Zug ist doch nichts Schönes.

Das ist natürlich ein extremes Beispiel. Aber auch da finde ich: Jemand muss die weit verteilten Leichenteile einsammeln. Das machen wir. Man kann auch Schönes darin finden, etwas Gutes zu tun. Wir schliessen aus, dass jemand als Mordopfer auf die Schienen gelegt wurde. Zeigen, dass es wirklich ein Suizid war. Dann stellen wir die Identität des Opfers fest, damit die Angehörigen richtig trauern können. Das ist bei Opfern von Zugsuiziden gar nicht so einfach. Das sind sinnvolle Aufgaben, und darin sehe ich etwas Schönes.

Wir haben vereinbart, dass wir nicht über Ihre Familie reden. Sie sind auch Gutachter, wenn es um Kunstfehler im Spital geht. Oder vor Gericht sagen Sie, wie ein Todesfall eintrat. So schaffen Sie sich auch Feinde. Leben Sie gefährlich?

Es gibt auch andere Berufe, in denen man sich nicht nur Freunde schafft. Aber ich bin mir bewusst, dass ich mit meinen Gutachten Personen unter Umständen für längere Zeit ins Gefängnis bringe. Und diese Personen haben ja schon bewiesen, dass sie zu Gewalttaten fähig sind. Deshalb bin ich mit gewissen Informationen über mich vorsichtig. Ein Facebook-Profil beispielsweise kommt für mich nicht in Frage.

Welches Verhältnis haben Sie zu Ihrem eigenen Tod? Wie wünschen Sie ihn sich?

Das Sterben selber kann mit viel oder wenig Leid einhergehen. Ich wünsche mir, dass ich zu den Glücklichen gehöre, deren Tod mit wenig Leid geschieht. Was auch noch schön wäre: Ich beneide immer diejenigen, die an ihrem Lebensende sagen können: Ich bin im Reinen mit mir und den anderen, ich habe alles erlebt, was ich erleben möchte. Jetzt kann ich gehen, ganz beruhigt. Das finde ich ein lebenswertes Ziel. Aber ich habe ein bisschen die Befürchtung, dass ich am Lebensende das Gefühl haben werde, noch nicht fertig mit Leben zu sein. Es wäre schön, wenn ich das noch lerne, bis es bei mir einmal so weit ist.

Wie Christian Jackowski den Tod definiert und untersucht, liest du in Teil 3 der Serie über die Wissenschaft des Todes.

Video des gesamten Gesprächs: Teil 2

 

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