«Ich bin überzeugt, es gibt Leben auf einem fernen Planeten»

Der Astronom Willy Benz leitet als erster Schweizer eine Weltraummission. Ende 2018 wird der Satellit Cheops in die Erdumlaufbahn geschossen. Von dort soll er ferne Planeten ausmessen – und helfen, nach Leben im All zu suchen.

Mit Willy Benz sprach Beat Glogger.

Herr Benz, Sie begeben sich ab nächstem Jahr auf die Suche nach erdähnlichen Planeten. Warum?

Willy Benz: Weil die Frage, ob wir im Universum alleine sind, eine der wichtigsten Fragen ist, die die Menschheit sich stellen kann.

Warum ist das wichtig für uns?

Wissen ist wichtig. Erst die Neugier hat die Menschheit aus den Höhlen gebracht. Einer baut das erste Rad, ein anderer macht es nach. Es gibt immer jemanden, der sich fragt, wie etwas funktioniert. Irgendwann hat man verstanden, dass die Erde eine Kugel ist, die um die Sonne kreist, und dass es noch andere Planeten gibt. Da muss die Frage aufkommen, ob andere Planeten ebenfalls belebt sind. Ob wir alleine sind, ist eine fundamentale Frage.

Sie glauben, dass es irgendwo noch Leben gibt?

Davon bin ich überzeugt.


Wie können Sie sich da so sicher sein?

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch. Ausserhalb unseres Sonnensystems sind über 4000 Planeten vermessen worden. Auf einigen davon herrschen sehr wahrscheinlich Bedingungen, die Leben, wie wir es kennen, ermöglichen.

Wie viele solcher Planeten gibt es insgesamt?

Wir kennen erst die allernächsten. Angenommen, unsere Galaxie entspräche der Distanz Bern– Winterthur, dann haben wir bisher erst im Umkreis von 400 Metern um Winterthur gesucht – und schon da erdähnliche Planeten gefunden. In unserer Galaxie gibt es 100 Milliarden Sterne. Und um uns herum sind noch einmal 100 Milliarden andere Galaxien. Das sind doch unglaubliche Dimensionen. Warum sollte nur auf der Erde Leben entstanden sein?

Vielleicht weil es ein aussergewöhnlicher Zufall war. Andere sagen, weil ein göttlicher Wille dahintersteckt.

Das ist auch eine Möglichkeit.

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Der Astronom Willy Benz (l.) im Gespräch mit Beat Glogger.
Heinz Diener

Was ist für Sie plausibler? Zufall oder Gott?

Ich bin Wissenschaftler. Die Frage nach dem Ursprung des Lebens hat mit Gott nichts zu tun.

Sie sind aber kein Atheist.

Nein, ich bin katholisch erzogen. Aber man muss trennen zwischen Wissenschaft und Religion. Man kann mit Wissenschaft nicht die Existenz Gottes beweisen, und man kann mit Religion nicht den Ursprung des Lebens erklären. Wissenschaft fragt, wie die Natur funktioniert, Religion fragt, warum es sie gibt.

Stellen Sie sich nie die Frage nach dem Warum?

Doch, man kann die Frage nach dem Sinn nicht vermeiden. Aber ich vermische die beiden Sachen nicht. Gott ist für mich nicht eine Kraft, die das Universum und das Leben erschaffen hat.

Was sagen Sie jemandem, der glaubt, die Erde sei vor 6000 Jahren entstanden?

Ich sage, dass das eben Glaube ist und nicht Wissen. Wir können beweisen, wann Dinosaurier gelebt haben, wann die Planeten und das Leben entstanden sind. Wenn die Bibel vom Anfang redet, darf man das nicht wörtlich nehmen. Die Wissenschaft kann die Zeit null berechnen, das war der Big Bang.

Was war vorher?

Das wissen wir nicht.

Also doch Gott?

Nein, irgendwann werden wir erklären können, wie es geschehen ist. Für das Warum wäre dann die Religion zuständig.

Suchen wir überhaupt nach dem Richtigen? Leben könnte auch ganz anders aussehen, als wir es uns vorstellen.

Das ist möglich. Aber man kann nur nach etwas suchen, von dem man eine Vorstellung hat. Wir wissen, welche Spuren Leben, wie wir es kennen, auf einem Planeten verursacht – also suchen wir danach. Wenn ich etwas suche, von dem ich nicht weiss, wie es aussieht, erkenne ich nicht, ob ich es gefunden habe. Wenn also anderes Leben nicht wie das auf der Erde auf dem Element Kohlenstoff basiert, werden wir es wahrscheinlich nicht erkennen.

Warum geht die Wissenschaft davon aus, dass nicht nur extraterrestrisches Leben, sondern sogar Intelligenz existiert?

Weil Intelligenz eine logische Folge der Evolution ist. Irgendwann hat einer mal ein Werkzeug gebaut und sich damit einen Überlebensvorteil verschafft. Wenn also auf einem fremden Planeten Leben sehr wahrscheinlich ist, dann ist es Intelligenz wohl auch. Obwohl das logisch tönt, ist es aber wichtig, das irgendwann mit Beobachtungen oder Messungen zu bestätigen.

Einige Politiker fordern, Forschung müsse einen volkswirtschaftlichen Nutzen beweisen, um gefördert zu werden. Die Suche nach intelligenten Aliens zählt aber wohl nicht dazu.

Doch. Denn um zu diesem Wissen zu gelangen, bauen wir neue Instrumente und entwickeln neue Technologien. Diese haben einen Wert. Zum Beispiel wurde das Internet ursprünglich entwickelt, damit Physiker ihre Daten besser austauschen können. Heute hat es eine globale wirtschaftliche Bedeutung. Oder die Wetter-App auf dem Smartphone, das GPS, alles, was wir heute selbstverständlich nutzen, war einmal das Spielzeug von Forschern.

Angenommen, es gäbe doch nur auf der Erde Leben. Wäre dieses Leben nicht noch viel wunderbarer und schützenswerter?

Absolut. Aber das ist es auch, wenn anderswo noch Leben existiert. Denn dieses wird sehr weit entfernt sein. Wir werden uns kaum mit den anderen austauschen oder sogar dahin reisen können. Das Leben auf der Erde ist schützenswert, egal ob wir im Universum alleine sind oder nicht.


Wie ferne Planeten vermessen werden

Kreist ein Planet um einen Stern, verdunkelt er diesen in regelmässigen Abständen. Diese Helligkeitsschwankungen kann man messen. Der Satellit Cheops erkennt Unterschiede von unter 0,01 Prozent – eine Mücke vor einem Scheinwerfer wirft einen grösseren Schatten.

Aus den Schwankungen der Helligkeit berechnet man die Grösse des Planeten. Doch die Physiker finden noch mehr über ihn heraus. Denn auf seiner Umlaufbahn bringt der Planet den Stern mit seiner Anziehungskraft auch leicht zum Wackeln. Daraus errechnet man seine Masse. Aus Masse und Grösse wiederum lässt sich sagen, ob der Planet aus Gas, Eis oder Gestein ist.

cheops
Ab 2018 in der Umlaufbahn der Erde: Der Satellit Cheops.
ESA

Hier sehen Sie das ganze Gespräch:


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