«Am meisten kostet es, wenn wir nichts tun»

Eine um 1,5 Grad wärmere Welt kann schön sein, sagt die Klimawissenschaftlerin Sonia Seneviratne. Schaffen wir es aber nicht, die Erwärmung zu stabilisieren, sieht die Zukunft düster aus.

Sonia Seneviratne mit Beat Glogger beim Talk «Wissenschaft persönlich» im Salzhaus Winterthur.

Frau Seneviratne, als Mitautorin des Berichts des Weltklimarats waren Sie an der 26. Klimakonferenz COP26 in Glasgow. Welche Botschaft bringen Sie uns mit?
Das Ergebnis ist gemischt. Es geht zu wenig weit – doch es gibt auch einige positive Elemente. Als Wissenschaftlerin bin ich froh, dass die Schlussfolgerungen nun schwarz auf weiss im Schlussbericht stehen.

Es gab zahlreiche grosse Klimakonferenzen, in Kyoto, in Kopenhagen, in Paris. Was ist neu?
Im Schlussbericht von Glasgow steht «Science and Urgency» – also Wissenschaft und Dringlichkeit – schwarz auf weiss im Dokument. Dass man die Dringlichkeit explizit hervorhebt, ist neu. Unser letzter Bericht des Weltklimarats ist direkt in diesen Text eingeflossen: Dort steht beispielsweise, dass es einen Unterschied macht, ob man die globale Erwärmung bis Ende des Jahrhunderts nun auf 1,5 Grad begrenzen will oder auf zwei Grad. Im Text steht auch, dass sich die Länder entschieden haben, diese 1,5 Grad als Ziel zu setzen. Und es steht, dass die Emissionen bis 2030 um 45 Prozent reduziert werden müssen, wenn dieses Ziel erreicht werden soll.

Aber schon in Kyoto haben die Unterzeichnerstaaten völkerrechtlich verbindlich beschlossen, ihre CO₂-Emissionen zu reduzieren. Das war 1997.
Das stimmt. Neu ist, dass alle Länder dabei sind – es ist ein globales Abkommen. Aber natürlich muss man sagen, dass es neben dem globalen Ziel auch die Ziele der einzelnen Länder gibt. Und die reichen bei Weitem nicht, das ist ganz klar. Wir haben eine Kluft zwischen dem, was global beschlossen wurde und dem, was die Länder machen.

«In den 90er-Jahren war die Motivation, etwas zu tun, eine Zeit lang gross. Aber das wurde so stark bekämpft, dass am Ende zu wenig gemacht wurde.»

Heute reden wir immer noch über den Klimawandel und seine Konsequenzen: Hitzewellen, Stürme, Überschwemmungen, und niemand hört zu. Sind wir schon völlig abgestumpft?
Ich glaube nicht. Einige Leute sind vielleicht abgestumpft, aber ich habe schon das Gefühl, dass das Thema vielen Menschen Sorge bereitet. Natürlich hat man immer wieder davon gehört und natürlich gab es zu wenig Fortschritt. Aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren etwas verändert hat. In den 90er-Jahren gab es beispielsweise noch keine Jugendbewegung.

Als Sie 1992 die Matura gemacht haben, hatte die Wissenschaft schon viele zentrale Fragen zur Erderwärmung geklärt. Warum dauert das alles so lange?
Auch mir war das damals schon bewusst, sonst hätte ich nicht Klimawissenschaften studiert. Die erste Klimakonferenz 1992 war für mich ein Weckruf. Warum es trotzdem so lange dauert? Die Haupterklärung sieht man am Beispiel des Ozonlochs, das damals auch ein grosses Thema war: Das Ozon-Problem wurde relativ schnell gelöst, weil es nur wenige Komponenten gab, die dafür verantwortlich waren.

Beim Klimawandel ist das Problem, dass die Hauptursache für die Treibhausgasemissionen die Verbrennung fossiler Energieträger ist. Das betrifft einen grossen Teil der Industrie und einige sehr mächtige Akteure mit viel Geld. Es gab regelrechte Propaganda gegen die Klimamassnahmen. In den 90er-Jahren war die Motivation, etwas zu tun, eine Zeit lang gross. Aber das wurde so stark bekämpft, dass am Ende zu wenig gemacht wurde.

Sie befassen sich in Ihrer Forschung mit Land-Klima-Dynamik. Was ist das?
Wir schauen uns an, welche Prozesse auf den Kontinenten das Klima bestimmen – vor allem Klimaextreme wie Trockenheit oder Hitzewellen. Und wir versuchen zu verstehen, was dazu führt. Eine wichtige Rolle spielt beispielsweise die Vegetation. Denn Pflanzen verdunsten viel Wasser, und dieses Wasser bestimmt, wie viel Niederschlag fällt oder wie heiss eine Hitzewelle ist. Je geringer die Verdunstung ist, desto höher sind etwa die Temperaturen.

«Wir müssen die positive Botschaft vermitteln: Die Zukunft muss nicht düster sein. Sie kann schön sein, wenn wir den richtigen Pfad wählen.»

Da haben Sie einen echten Durchbruch erzielt: Sie haben gezeigt, dass in Trockenperioden, wenn Pflanzen verdorren, die Temperaturen noch zusätzlich erhöht werden. Das wusste man bislang nicht.
Das war ein ziemlich neues Thema, zu dem es vor 2006 erst einzelne Untersuchungen gab. Mit unserer Studie konnten wir nun zeigen, welche Rolle dieser Prozess spielt und wie er sich mit dem Klimawandel verändert. Insgesamt wird diese sogenannte Rückkopplung von Wasser und Klima in Mitteleuropa immer grösser. Sie bestimmt also, wie Hitzewellen auch in Zukunft zunehmen. Das konnten wir auch mit Beobachtungen belegen.

Es gibt auch Leute, die argumentieren, dass es im mittelalterlichen Klimaoptimum auch schon einmal so warm war.
Im Mittelalter war es teilweise ein wenig wärmer als jetzt, teilweise auch etwas kühler. Das waren aber eher regionale Schwankungen. Im neuesten Bericht des Weltklimarats steht ganz klar, dass die Erwärmung von 1,1 Grad, die wir jetzt erreicht haben, in den letzten hunderttausend Jahren noch nie dagewesen ist.

Frau Seneviratne, immer wieder hiess es, das Klima sei kurz vor dem Kollaps. Skeptische Personen halten dies der Klimaforschung vor: Hat ein gewisser Alarmismus zur Abstumpfung beigetragen?
Das kann ich nicht beurteilen, aber ich mache mir auch Sorgen. Ich denke nicht, dass man in Panik geraten sollte. Meine Art und Weise ist es, das Problem sachlich anzugehen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass man den Menschen eine Vision gibt. Das haben wir auch in jenem Kapitel des Weltklimaberichts zur globalen Erwärmung von 1,5 Grad gemacht, an dem ich beteiligt war. Dort haben wir einen kurzen Text geschrieben, wie die Welt aussieht, wenn wir das 1,5-Grad-Ziel erreichen. Eine solche Welt wäre schön – nicht nur aus Sicht des Klimas. Wenn wir gar nichts tun, dann wäre es eher eine schlimmere Welt. Wir müssen die positive Botschaft vermitteln: Die Zukunft muss nicht düster sein. Sie kann schön sein, wenn wir den richtigen Pfad wählen.

In der Schweiz haben wir das bundesrätlich beschlossene Ziel, bis 2050 klimaneutral zu sein. In Abstimmungen wie jener zum CO₂-Gesetz ist die Bereitschaft aber plötzlich nicht mehr vorhanden. Wie lösen Sie diesen Konflikt?
Vor Kurzem gab es auch positive Abstimmungsbeispiele, etwa im Kanton Glarus. Das Volk beschloss ein Verbot von Öl- und Gasheizungen, dabei hatte der Kanton das CO₂-Gesetz im Juni abgelehnt. Auch im Kanton Zürich wurde ein Verbot von Öl- und Gasheizungen von der Bevölkerung gutgeheissen. Beim CO₂-Gesetz ist einiges nicht richtig verstanden worden. Aber wenn man sich die Gegenkampagne anschaut, gab es auch die Frage: Wieso soll man für ein Gesetz abstimmen, wenn es vielleicht ungerecht ist? Eine Steuer könnte bedeuten, dass die Reichen alles tun können wie bisher und nur die Leute mit weniger Geld betroffen sind. In gewissen Bereichen ist damit ein Verbot vielleicht besser, wie man es jetzt bei den Heizungen gesehen hat. Denn ein solches betrifft alle gleichermassen.

«Man spricht oft von den Kosten der Anpassung, aber nicht von den Kosten der Schäden.»

Andere sagen, dass wir besser in sogenannte «Mitigation Strategies» investieren würden, also wie wir uns besser anpassen können.
Das ist eine falsche Logik. Das Problem ist: Solange wir es nicht schaffen, die Erwärmung zu stabilisieren, wird es immer schlimmer. Das heisst, dass die Anpassung gar nicht mit dem Klimawandel mithalten kann. Mit Extremereignissen wie jenen im letzten Sommer beginnen wir nun, das zu sehen. Wir haben schon jetzt Mühe mit der Anpassung. In Kanada starben viele Leute an der Hitzewelle mit Rekordtemperaturen von bis zu 49,5 Grad. In Deutschland starben viele Leute in den durch Starkniederschläge verursachten Hochwassern. Es ist nicht klar, wie man sich an solche Extremereignisse anpassen soll.

Was kostet denn mehr – anpassen oder das Klima schützen?
Am meisten kostet es, wenn wir gar nichts tun. Das wäre fatal. Denn wenn wir die Emissionen nicht reduzieren, sind die Auswirkungen und Schäden sehr gross. In vielen ökonomischen Modellen wird das aber gar nicht eingerechnet. Man spricht oft von den Kosten der Anpassung, aber nicht von den Kosten der Schäden. Und man spricht auch nicht darüber, dass viele Schäden irreversibel sind. Wir werden einiges dauerhaft verlieren – Inseln, Tier- und Pflanzenarten.

Beat Glogger und Sonia Senviratne
«Viele Schäden, die der Klimawandel verursacht, sind irreversibel», so Sonia Seneviratne.

In weniger entwickelten Ländern könnte man mit der gleichen Geldmenge mehr ausrichten als in der Schweiz.
Ich glaube, dass auch das eine falsche Denkweise ist. Überall müssen die Emissionen auf Null kommen, auch in der Schweiz. Wenn wir zu lange warten, dann schaffen wir das nicht.

Aber wir kommen ja nur auf Null, weil wir kompensieren können.
Das ist eben falsch – ich bin gegen Kompensation. Es ist gut, anderen Ländern zu helfen, damit sie den Wandel schneller schaffen. Aber das muss man zusätzlich machen und nicht als Ausrede dafür nehmen, dass man in der Schweiz zu wenig tut. Den CO₂-Ausstoss zu begründen, indem man das auf irgendeine Weise kompensiert, also indem man Emissionen anderswo vermeidet, verstehe ich nicht. Wenn man auf Null kommen möchte, müssen die Emissionen überall so nahe wie möglich bei Null liegen.

Viele Leute halten den Klimawandel für ein grosses Problem, fühlen sich aber wenig davon betroffen.
Das geht auch mir so. Denn es geht darum, etwas zu vermeiden, das in Zukunft stattfinden wird. Wir haben ein Problem, das immer schlimmer wird und das irreversibel ist, da das CO₂ so lange in der Atmosphäre bleibt. Wenn wir bemerken, dass es schlimm ist, dann ist es zu spät. Dann können wir nicht mehr zurück. Deshalb ist es richtig, sich jetzt Sorgen zu machen.

Sie haben kein Auto mehr, dafür fliegen Sie an die eine oder andere Konferenz. Sie wissen so viel über das Thema – wie gehen Sie privat damit um?
Ich probiere in meinem Alltag auch, meine Emissionen so klein wie möglich zu halten. Ich habe kein Auto und probiere, weniger Fleisch zu essen, das scheint mir wichtig. Ich bin auch seit dem Anfang der Covid-Pandemie nicht geflogen, weder privat noch geschäftlich. Für mich das wichtigste ist aber, über das Thema zu forschen und zu sprechen. Einzelpersonen verursachen CO₂-Emissionen, aber das macht insgesamt nur etwa fünfzig Prozent ihres Ausstosses aus. Der Rest ist die Infrastruktur. Deshalb ist es zentral, diese systemischen Emissionen zu vermeiden, deshalb braucht es Gesetze. Dafür setzte ich mich ein, beispielsweise für die Gletscherinitiative, bei der ich im wissenschaftlichen Beirat war.

Sie waren auch schon an Klimademos. Warum sind sie dorthin gegangen?
Wir sind dort als Familie hingegangen. Meine Kinder sind sieben und elf Jahre alt und mein Mann interessiert sich auch für die Thematik. Ich war dort nicht als Wissenschaftlerin, sondern als Bürgerin, als Mutter. Ich finde, man muss sich einsetzen, muss etwas tun. Es ist wichtig zu zeigen, dass es uns nicht egal ist, was passiert.

«Wenn jemand fragt, ob die Wissenschaft politisch sein darf, frage ich zurück, ob die Politik unwissenschaftlich sein darf.»

Die Klimajugend fordert Netto Null bis 2030. Das sind acht Jahre. Ist eine so ambitiöse Forderung sinnvoll, wenn eigentlich klar ist, dass man das nicht erreicht?
Man könnte sich genauso fragen, ob es Sinn macht, sich trotz der Dringlichkeit gar kein Ziel zu setzen – was momentan die Politik der Schweiz ist. Was man mindestens erreichen muss, ist in etwa eine Halbierung der Emissionen bis 2030. Wenn man mehr erreicht, ist das besser. Was wirklich machbar ist, kann ich als Klimawissenschaftlerin aber nicht beantworten. Das ist eine gesellschaftliche Frage.

Sie mischen sich in die Politik ein. Dass die Wissenschaft das tut, wird ihr oft vorgeworfen.
Wenn jemand fragt, ob die Wissenschaft politisch sein darf, frage ich zurück, ob die Politik unwissenschaftlich sein darf. Ich persönlich mische mich ein, weil ich in der Politik falsche Behauptungen höre. Dann muss ich als Wissenschaftlerin korrigieren und sagen, dass zwei plus zwei nicht fünf macht.

Seit dem 1. November befindet sich der Freiburger Guillermo Fernandez auf dem Bundesplatz im Hungerstreik. Was halten Sie davon, wenn ein Protest so weit geht?
Was er fordert, ist nachvollziehbar. Und zwar verlangt er, dass Bundesrat und Parlament Klimaforschende, die zu den Weltklimaratsberichten beigetragen haben, einladen und sich von ihnen erklären lassen, wie gravierend die Situation ist. Das ist nicht zu viel verlangt, das sollte doch eigentlich normal sein. Persönlich finde ich es aber sehr schwierig, dass jemand sein Leben deswegen gefährdet. Ich hoffe aber sehr, dass es gut ausgeht.

Die Schweiz ist klein und ihr Beitrag zum globalen CO₂-Ausstoss ist sehr gering. Warum sollten wir vorausgehen?
Das ist eine übliche Ausrede. Jede Person, jedes Land hat eine Verantwortung. Auch die Schweiz muss ihren Beitrag leisten. Und so klein ist die Schweiz gar nicht: An einer von Banken organisierten Konferenz habe ich kürzlich erfahren, dass etwa dreissig Prozent der weltweiten grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung von Schweizer Banken getätigt wird. Im Bereich Finanzen kann die Schweiz viel Einfluss nehmen. Man darf also nicht unterschätzen, wie viel wir machen könnten.

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